Grundlagenpapier Antiziganismus

Das Dokument ‘Grundlagenpapier Antiziganismus’  schlägt eine Arbeitsdefinition vor, die versucht, Antiziganismus systematisch zu erfassen. Der vorliegende Text behandelt die wesentlichen Merkmale des Antiziganismus, die Relationen zwischen den verschiedenen Aspekten, die ihn ausmachen, und seine vielfältigen Erscheinungsformen, die jeweils spezifische Zugänge erfordern.

Vollständiges Referenzpapier

 

Kernaspekte:

Antiziganismus ist eine spezielle Form des Rassismus, die sich gegen Roma, Sinti, Fahrende, Jenische und andere Personen richtet, die von der Mehrheitsgesellschaft als ‚Zigeuner’ stigmatisiert werden. Obwohl der Begriff Antiziganismus eine zunehmende institutionelle Anerkennung erfährt, gibt es noch kein breit akzeptiertes Verständnis seiner Bedeutung und seiner Implikationen. Antiziganismus wird häufig in einer engen Auslegung verwendet um gegen Roma und Sinti gerichtete Einstellungen, öffentliche Äußerungen negativer Stereotype oder hate speech, Hassrede, zu bezeichnen. Antiziganismus umfasst jedoch ein weit größeres Spektrum an diskriminierenden Äußerungen und Handlungsweisen, darunter viele die nur implizit oder versteckt auftreten: relevant ist dabei nicht nur was gesagt wird, sondern auch was getan wird; und nicht nur was getan wird sondern auch was nicht getan wird. Um die Auswirkungen des Antiziganismus in Gänze begreifen zu können, bedarf es dringend eines präziseren Verständnisses.

Die Allianz gegen Antiziganismus schlägt hiermit eine Arbeitsdefinition vor, die versucht, Antiziganismus systematisch zu erfassen. Der vorliegende Text behandelt die wesentlichen Merkmale des Antiziganismus, die Relationen zwischen den verschiedenen Aspekten, die ihn ausmachen, und seine vielfältigen Erscheinungsformen, die jeweils spezifische Zugänge erfordern. Dieses Papier möchte Verantwortliche aus Politik und Verwaltung darin unterstützen, kohärente aber vielfältige Maßnahmenkonzepte zur Bekämpfung des Antiziganismus umzusetzen.

Einige Kernaspekte sollen gleich zu Beginn hervorgehoben werden. Es ist zunächst von zentraler Bedeutung zu verstehen, dass Antiziganismus kein ‚Minderheitenthema’ ist. Es ist ein Phänomen unserer Gesellschaften, dessen Ursprung darin zu suchen ist wie die Angehörigen der Dominanzkultur jene wahrnehmen und behandeln, die sie als ‚Zigeuner’ begreifen. Folglich muss, um Antiziganismus zu bekämpfen, der Fokus auf die Mehrheitsgesellschaft gelegt werden, wobei gleichzeitig die Stimmen jener gehört werden müssen, die systematisch unter Antiziganismus leiden und dadurch häufig zum Schweigen gebracht werden.

Antiziganismus ist dabei, zweitens, nicht als die Folge schlechter Lebensbedingungen zu verstehen, in denen viele Roma und Sinti leben müssen, noch ist er ein Resultat dessen, dass sie „ganz anders” seien. Die Annahme, dass eine erfolgreiche Integration etwas gegen Antiziganismus bewirken könne, ist ein Trugschluss, der die Ursprünge und den wahren Kern des Antiziganismus verschleiert. Ursache und Wirkung werden dabei auf den Kopf gestellt.

Das heißt, drittens, dass die Bekämpfung der Auswirkungen von Diskriminierung, wie beispielsweise Armut, schlechte Wohnverhältnisse oder unzureichende Bildung zwar dringend notwendig ist, dass diese Bekämpfung aber nicht zur Beseitigung der Ursache dieser schlechteren sozialen Situation beiträgt. Antiziganismus darf also nicht als weiteres Thema neben anderen wie Wohnsituation, Gesundheit, Bildung und Arbeit behandelt werden. Er muss als integraler Bestandteil in all diesen Bereichen adressiert werden.

Schließlich zeichnet sich Antiziganismus bis heute durch seine hohe gesellschaftliche Akzeptanz aus. Antiziganistischen Einstellungsmustern und Praktiken wird zumeist mit Nachsicht begegnet. Die moralische Verurteilung, mit der andere Formen von Rassismus adressiert werden, ist im Fall des Antiziganismus nicht vorhanden. In Europa hat sich hingegen ein „rationaler Antiziganismus” herausgebildet. Anschuldigungen und diskriminierende Verhaltensweisen gegenüber Roma und Sinti werden dabei regelmäßig als nachvollziehbar und legitim angesehen. Im öffentlichen Diskurs ist Antiziganismus damit eher die Regel als eine Ausnahmeerscheinung.

Antiziganismus ist nicht nur weitverbreitet sondern auch tief in sozialen und kulturellen Normen und institutionellen Praktiken verwurzelt. Die Aufgabe, Antiziganismus zu bekämpfen, wird so schwieriger und dringlicher zugleich. Antiziganismus kann mit de
Bild eines konstanten starken Gegenwindes verglichen werden. Eine ‚Roma-Inklusion’ bleibt illusorisch, solange dem Gegenwind selbst nichts entgegengestellt wird.